Ein Mann wurde gestern von einem Zug erfasst. Die Kriminalpolizei hat die Ermittlungen aufgenommen.

Andreas Schorbogen hat das erste Heulen der Sirenen gestern Morgen von daheim aus gehört. „Mir war klar, dass etwas Schlimmes passiert sein musste“, sagt der Wehrleiter der Coswiger Feuerwehr. Gleich danach ging sein Pieper los. Nun, wenige Stunden später, steht er an den Gleisen am Oberen Steinbacher Weg an der Stadtgrenze zu Weinböhla und hat traurige Gewissheit. Es ist etwas passiert.

Gegen 7.30 Uhr war ein Mann von einem Intercity der Deutschen Bahn AG erfasst und tödlich verletzt worden. Der Zug kam aus Prag und war auf der Fahrt nach Berlin. Der Unfall eignete sich wenige Meter vor der Bahnunterführung an der Auerstraße. Erst rund einen Kilometer später kamen der Triebwagen und die Waggons zum Stehen. Neben Andreas Schorbogen und den über 30 Kameraden der Feuerwehren aus Coswig und Radebeul sind auch Beamte der Kriminalpolizei und der Bundespolizei an der Unglücksstelle eingetroffen. Wie immer, wenn so etwas passiert.

Coswigs Wehrleiter koordiniert den Einsatz, gibt Ansagen übers Funkgerät. „Der Zug war mit einer Geschwindigkeit von etwa 160 Stundenkilometer unterwegs, wie in diesem Bereich erlaubt“, sagt er. Andreas Schorbogen ist hauptberuflich selbst Zugführer und kennt sich auf den Trassen aus. Er war daher auch unter denen, die mit dem Lokführer nach dem Unfall gesprochen haben.

Der Mann im Führerstand hatte sofort eine Vollbremsung eingeleitet, konnte den Aufprall aber nicht mehr verhindern. Zu lang ist der Bremsweg bei dieser Geschwindigkeit. Der Lokführer steht unter Schock. „Das steckt man nicht einfach so weg“, sagt Andreas Schorbogen. „Wir haben uns um ihn sowie das Zugpersonal gekümmert.“

Die 70 Fahrgäste des Unglückszuges, darunter zahlreiche Familien mit kleinen Kindern, blieben dagegen unverletzt. „Der Zug stoppte ganz plötzlich, ohne Vorwarnung“, erinnert sich Alona Hromodova. Die Slowakin war mit ihrer zweieinhalbjährigen Enkeltochter Iolanda auf dem Weg nach Berlin. Es habe einen kräftigen Ruck gegeben, als die Notbremsen griffen, sagt sie in gebrochenem Englisch. Passiert sei ihr dabei glücklicherweise nichts. Die Frau und das Kind wurden nach dem Nothalt ebenso wie die übrigen Reisenden aus dem Zug evakuiert und fuhren in Ersatzbussen weiter nach Berlin.

Für das Opfer auf den Schienen gab es keine Hilfe mehr. Der Zusammenprall mit dem Triebwagen hatte den Mann augenblicklich getötet. Noch an der Unglücksstelle wollten die Beamten der Kriminalpolizei keine Angaben zur Identität des Toten machen. Bei der Suche nach Spuren hatten sie einige Gegenstände gesichert. Weil der Mann vor dem Aufprall mit dem Zug auf den Schienen stand, gab es schnell den Verdacht, dass er Selbstmord begangen hatte. Er wollte sich wohl frontal vom Nachtzug überrollen lassen. Später teilte Polizeisprecherin Jana Ulbricht mit, dass es sich bei dem Toten um einen 54-Jährigen handelt. Nähere Auskünfte wurden nicht gemacht – auch aus Respekt vor den Angehörigen. „Die Ermittlungen dauern an“, so die Polizeisprecherin.

Gegen Mittag sind die Untersuchungen an der Unglücksstelle abgeschlossen. Der Wagen eines Bestattungsunternehmens rollt zu der Stelle, an der der Zug stehengeblieben ist. Weil der Unfall nahe einer Gartensparte passierte, achten die Beamten darauf, dass kein Passant hingelangt – und niemand etwas vom Unglück sieht. Mit Decken und Folien hängen Feuerwehrleute die Front des Triebwagens ab. Einige Laubenbesitzer kommen dennoch vorbei. Sie scheinen zu ahnen, welch schwere Aufgabe die Mitarbeiter des Bestattungsunternehmens jetzt haben. Es dauert, bis der Leichnam geborgen ist.

Andreas Schorborgen und seine Kameraden sehen das alles aus der Ferne. Zum ersten Mal in diesem Jahr wurden sie zu einem tödlichen Bahnunfall gerufen. „Das hatten wir lange nicht. Ähnliche Fälle haben wir auch nur zwei- bis dreimal im Jahr“, sagt der Wehrleiter.

 

Auch deshalb ist ihnen etwas flau, als sie zur Unglücksstelle gehen, um den Triebwagen mit Wasser zu reinigen. Kurze Zeit später setzt sich der Zug wieder in Bewegung.

 

Bericht Von Philipp Siebert (SZ)

Notstopp in Coswig
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